[Allegro] RDA: Antworten auf drängende Fragen

Thomas Berger ThB at Gymel.com
Mi Mai 6 13:56:35 CEST 2015


Lieber Herr Eversberg, liebe Liste,

Am 06.05.2015 um 12:04 schrieb Bernhard Eversberg:
> Am 06.05.2015 um 10:49 schrieb Thomas Berger:
>>
>>> 3. Keine Panik! Es *braucht* keine neue Version zu geben, um
>>>     weiterarbeiten zu können. Es *wird* auch keine "RDA-Version" geben,
>>>     die sich unterscheiden würde von einer anderen, Nicht-RDA-Version.
>>>     Das allegro-Konzept ist ja gerade, daß mit einer einzigen Version
>>>     alle Bedarfe abgedeckt werden können, nur mit unterschiedlicher
>>>     Parametrierung, und das bleibt so. [Eine "RAK-Version" gab
>>>     es eben deswegen auch nie!] Wer anderes glaubt oder vermutet, hat
>>
>> Seufz. Alle Datenformate aller Zeiten und Voelker haben stets behauptet,
>> "regelwerksagnostisch" zu sein...
>>
> 
> Vom Format war nicht die Rede, sondern von der Software. Die arbeitet
> bekanntlich mit unterschiedlichsten Formaten, ohne selber eines davon
> über Gebühr zu bevorzugen. Kein Grund also zu entnervtem Aufseufzen.


Dann war die Frage vielleicht unscharf. Eine Antwort wie "allegro bleibt,
aber mit dem A-Format kann man nicht nach RDA katalogisieren, dafuer
braucht es das R-Format, das mit den alten Daten nicht kompatibel ist"
waere danach immer noch moeglich, wuerde aber allgemeines Entsetzen
ausloesen (denke ich).

"allegro" ist doch fuer jeden Anwender ein komplexer Mix aus Software,
Datenformat, Parameterdateien (alles drei oft aus einer Hand) sowie
meist sogar noch den Prozeduren und Regeln, unter denen dann lokal
die ersten drei genutzt werden.

Ohne Parameterdateien keine "allegro"-Anwendung und Parameterdateien
sind ohne zugehoerige Konfiguration gar nicht denkbar. Strenggenommen
sagt die Konfiguration nur, dass es gewisse Felder mit gewissen
Feldnummern als Labels gibt, zu A.CFG waeren also theoretisch mehrere
Datenformate denkbar, eines wo #20 das Label fuer das Feld mit dem
Sachtitel ist, ein anderes wo dort der Geburtstag der Schwiegermutter
vermerkt wird. Da das aber vermutlich unterschiedlich verarbeitet
werden soll (dargestellt, indexiert, im- und exportiert) ist durch
den Einsatz der Parameterdateien das Datenformat durchaus festgelegt.

Allerdings ist "Sachtitel" nun ein sehr schwieriges Konzept, RAK-WB
kennt es, das allegro-Datenformat ist da bereits in sich widerspruechlich:

>>>
(Ansetzungs-)Sachtitel (Stufe #00)

Form: Sachtitel[SP]$[SP]Körp.Ergänzung[SP]/[SP]Unterreihe[SP]:[SP]Zusatz

Normalfall: Titel[SP]:[SP]Zusatz

#19 enthält evtl. den Sachtitel in Vorlageform (genauer: in Kartendruckform)
<<<

(Ist hier der "Titel" gleich dem "Sachtitel"? Und sind die Ergaenzungen
und der Zusatz nun Teil davon oder nicht, denn etwa in #19 werden ja fuer
die Vorlageform durchaus auch Zusaetze erfasst). Jedenfalls decken #19 und
#20 irgendwie komplex die RAK-Konzepte Hauptsachtitel, Ansetzungssachtitel,
Zusatz zum Hauptsachtitel ab, sowie einiges mehr.

Die RDA nun kennen ueberhaupt keinen "Sachtitel" und "Hauptsachtitel",
sondern nur einen "Haupttitel". Und das nicht, weil einem keine historisch
konsistente Uebersetzung des "title proper" der ISBD und RDA eingefallen ist,
sondern weil es doch einige Unterschiede in den Konzepten gibt, die man durch
Weiternutzung des "bekannten" Vokabulars im Zweifelsfall gruendlich
ueber-tuencht haette (analog hatte man "Ausgabe" fuer das englische "manifestation"
zwar lange ventiliert, letztendlich aber zugunsten des artifiziellen
"Manifestation" verworfen - zu gross war die Gefahr etwas anderes zu
suggerieren als tatsaechlich gemeint ist).

Im Fall von "Zusammenstellungen ohne uebergeordneten Haupttitel" gibt es
zwei Unterfaelle, naemlich (wer haette das gedacht) solche, wo die
Werke alle denselben Verfasser haben und solche, wo jedes einen individuellen
hat: Im ersten Fall ist der Haupttitel der Zusammenstellung eine durch " ; "
getrennte Aneinanderreihung der Haupttitel der Einzelwerke. /Dargestellt/
wird es jedoch u.U. mit den jeweiligen Zusaetzen, sofern die Zusaetze nicht
die gesamte Vorlage betreffen (vgl. allegro #20g). Im anderen Fall (mit
Verfasserangabe) ist die Darstellung mit ". " als Trenner. Die Anforderung
ist ausserdem, die individuellen Werke tatsaechlich nennen zu koennen und auch
anzusetzen.

Die realen Datenformate (MARC21, MAB, PICA, allegro, ...) haben das auch
traditionell nicht alles mit einem Feld leisten koennen, spaetestens wenn
man ". " als absolut grundlegenden Trenner verarbeiten muesste, hoert der
Spass auf. Aber selbst in MARC21, wo man mit (jeweils mehreren) eingestreuten
$a, $b, $c allerhand "taggen" kann, gibt es keine Verbindung zwischen
den einzelnen Haupttiteln und den jeweiligen Verfassern in ihrer angesetzten
Form: Da kommt also etwas echt zusaetzliches unter RDA-Bedingungen hinzu,
(wobei: MAB1 hatte das in Form der beruechtigten "Nachsaetze"..., MAB2 hingegen
die Felder 8xx - jeweils im Sinne von "zweiteilige NE fuer ein *anderes* Werk
als das hier katalogisierte")

Alle in den letzten Jahren neu angefertigten oder ueberarbeiten Regelwerke
legen grossen Wert auf Glossare, d.h. wenn Terminologie eingefuehrt oder
nachgenutzt wird, dann wird auch definiert, was es bedeuten soll (im konkreten
Kontext des Regelwerks). Grundlegend hierfuer ist im RDA-Kontext das
IFLA Statement of International Cataloguing Principles (ICP): Dessen Glossar
ist m.W. fuer die RDA uebernommen worden und auch von den aktuellen ISBD-
Versionen. Nach meinem Verstaendnis werden hier abstrakte Datenelemente
definiert (und die RDA-Elemente verfeinern und ergaenzen das), am Beispiel
der ISBD sieht man uebrigens, das das noch ganz ohne Ansetzungsregeln
funktionieren kann, dort wird der Schwerpunkt auf die Reihenfolge der
Praesentation gelegt und die abgrenzenden Zeichen. Bei den RDA hingegen
ist die ISBD-Darstellung nur eine Option, der Schwerpunkt liegt auf
Regeln was zu erfassen ist (entsprechend ICP) und in welcher Form
(Ansetzungen) sowie (neu!) welche Bezuege die Katalogisier herzustellen
haben.

Die Datenformate haben nun die Aufgabe, alles transportieren zu koennen,
was Katalogisierer beim Befolgen ihrer Regeln notieren. Da die Regeln
(intellektuelles) "Erfassen" von Sachverhalten, deren Ansetzung und die
Darstellung behandeln, wird hier traditionell allerhand gedoppelt: Das
obige Beispiel der diversen Formen von "Zusammenstellungen ohne ueber-
geordneten Haupttitel" zeigt ja, dass die abstrakten Datenelemente hier
mehrfach vorkommen und fuer Darstellung und Indexierung ganz unter-
schiedlich kombiniert werden muessen und in manchen Faellen sowohl
Ansetzungs- als auch Vorlageformen relevant sind. Denkbar waeren Formate,
die der Granularitaet des Regelwerks bis in die feinsten Veraestelungen
folgen, traditionell haben wir allerdings eine eher flache Struktur mit
stellenweise sehr hoch aggregierten Feldern, die dann noch eine Regel-
werksabhaengige Binnensyntax tragen. Z.B. MARC 245 oder allegro #20
fuer eine praesentationsfaehige Form von "Titel", oder - viel einfacher
gelagert - die Felder fuer die /Normierung/ von Personennamen in der
Form "Name, Komma, Vorname" (plus dann vom Datenformat unterstuetzte
weitere Anreicherungen um Lebensdaten, etc. die dann alle zusammen-
genommen die /Ansetzung/ der Person ergeben)

Die Antwort auf die Eingangsfrage ist nun: Weil

- die Datenformate "elastisch" genug sind (oder unscharf genug ;-),

- oder weil die Regelwerksentwickler sehr viele Ruecksichten genommen
  haben,

- oder weil ICP und FRBR auch nur eine nachtraeglich gefundenes
  Fundament fuer die bisherige Praxis sind,

- oder weil es keinen Grund gab, etwa die ISBD fundamental in Frage zu stellen

sieht es so aus, als koenne man alle vorhandenen Datenformate mit wenigen
Eingriffen fuer die RDA zurechtfummeln (es war schon immer "fummelig" in
manchen Bereichen und besser wird's nun auch nicht).

Bezogen auf ein einzelnes Datenelement koennen die Aenderungen allerdings
massiv sein, #20 in allegro etwa deckte allerhand titelartiges aus RAK ab,
und es kann allerhand titelartiges aus den RDA aufnehmen, aber was
hineingehoert und mit welcher Binneninterpunktion gearbeitet wird, ist
durchaus verschieden. Ein " ; " in einer RAKigen #20 ist (meist) ein weiterer
Zusatz zum Hauptsachtitel, in einer RDA-Aufnahme hingegen wohl eher ein
Trenner fuer das, was frueher "beigefuegtes Werk vom selben Verfasser" war
und nun der Haupttitel einer gleichberechtigten Teil-Ressource ist.

viele Gruesse
Thomas Berger



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